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PAUL LEONARD SCHÄFFER

Komponist, Dirigent, Pianist

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ERLKÖNIG - EIN TRAUM
nach Johann Wolfgang von Goethe (2014)
für Bariton und Klavier

Auftragswerk des Bonner Schumannfestes

UA: 11.05.2014, Theater im Ballhaus Bonn
Dauer: ca. 8 Minuten
Besetzung: Bariton, Klavier

Besetzung der Uraufführung:
David Pichlmaier - Bariton
Pauliina Tukiainen - Klavier

ÜBER DAS STÜCK

Es gibt kaum ein Kunstlied, was so bekannt ist, wie Franz Schuberts Vertonung von Goethes berühmter Ballade „Erlkönig“. Ich musste mich beim Komponieren also gleich mit zwei ganz großen Künstlern und deren genialen Werken auseinandersetzen und habe versucht einen neuen Zugang zum Text zu finden. Ich stieß am Anfang meiner Arbeit auf einen Vortrag der Psychoanalytikerin Luise Reddemann. Sie stellt die These auf, dass der Sohn ein Opfer einer vom Vater ausgehenden sexualisierten Gewalt geworden sei, und nun in einem Alptraum das Geschehen verarbeiten würde. Dabei zerlegt das Kind den Täter in zwei Gestalten: den „guten“ Vater und den „bösen“ Vater (also den Erlkönig).

Für mich ist der Inhalt des Gedichtes also keinesfalls eine realistische Schilderung des Vaters, der dem Tod seines fiebererkrankten Sohnes davon reitet. Vielmehr stelle mir vor, dass dieser Alptraum nicht auf einem reitenden Pferd, nicht in einer angsteinflößenden Landschaft stattfindet, sondern in einem komplett schwarzen Raum. In diesem Raum schweben ikonenhafte Darstellungen der drei Protagonisten, wobei der Sohn den Mittelpunkt der Darstellung bildet. Um ihn herum drehen sich der Vater und der Erlkönig, die im Verlauf des Liedes immer mehr miteinander zu einer übergroßen, den Knaben erdrückenden Fratze verschmelzen. Es ist also in erster Linie keine alptraumtypische Imagination, in der es den großen Knall, den langen angstverzerrten Schrei oder schnelle Orts- und Perspektivwechsel gibt. Das Bild ist durch eine minimalistisch anmutende Ruhe geprägt. Alles was man hört ist ein ununterbrochenes Tropfen, oder ein immer mehr schmerzendes, pulsierendes Nervenende des Sohnes.

In meiner Komposition habe ich versucht, diese „neue“ Rollenverteilung und den ruhigen, schwarzen Raum musikalisch zu beschreiben. Für den Gesangspart habe ich zunächst vier verschiedene Stimmfarben und musikalische Charakteristika entwickelt, um den verschiedenen Rollen des lyrischen Erzählers gerecht zu werden.

  1. Der Erzähler (nüchtern, betrachtend, kaum Tonwechsel, syllabisch, d.h. eine Silbe pro Ton)
  2. Der Vater (zunächst sehr warm, tief, sehr cantabel, harmonisch)
  3. Der Sohn (aufgebracht, emotional, große koloratöse Aufgänge, melismatisch, sehr weiter Ambitus)
  4. Der Erlkönig (sehr hoch, sehr scharf, eng geführt, schmierig, immer im Bruch zwischen Brust- und Kopfstimme, sehr enge Intervalle, „falsch“)

Jede Rolle entwickelt seinen eigenen motivischen Mikrokosmos. Dabei sticht besonders die prägnante Intervallfolge des Satzes „Du liebes Kind“ des Erlkönigs hervor, die auch später vom Vater („Sei ruhig“, später „Mein Sohn“) übernommen wird. Während des Liedes gleichen sich die Tonlagen und Stimmfarben des Vaters und des Erlkönigs immer mehr an, bis sie am Ende („Es scheinen die alten Weiden so grau. - ‚Ich liebe dich,‘“) miteinander verschmelzen und somit die personelle Einheit von Erlkönig und Vater aufzeigen.

Im Klavierpart dominieren minimalistische, rhythmische Patterns, die sich zeitweise verändern. Einzig bei den ersten Worten des Vaters fungiert das Klavier als „Harmoniebringer“ und verschmilzt mit dem Gesang. Erst bei der dritten Klage des Sohnes („Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort“) verlässt der Part diese engen Grenzen - repetiert hämmernd immer den gleichen Ton und unterstützt den Sohn in seiner unbeschreiblichen Not.

Vor der letzten Strophe („Erlkönig hat mir ein Leid getan“) brechen Gesang und Klavier plötzlich ab. Es folgt ein kurzes, heftiges Zwischenspiel in dem noch einmal das Erlkönig/Vater-Motiv in der linken Hand aufgenommen wird und die chromatische Verschachtelung der Motivik des Sohnes wiedergegeben wird. Das gewaltige Intermezzo wirkt fast triumphierend, als ob der Vater nun endgültig die Gewalt über den Sohn gewonnen hat. Was bleibt ist ein tinitusartiger Triller im Klavier und das stumpfe Rezitieren des Erzählers.

Noten (c) PlS

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